Elise schlug schließlich doch die Augen auf und alles war wie immer, weiße Bettwäsche, um sie herum ein Chaos aus Stanniolpapier, einem Walkman und zahllosen Cassetten, Postkarten, Obstschalen, halbleeren Gläsern und Cremes und Kabeln. Da sah sie, dass auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett etwas lag, ein kleiner Plastikumschlag, auf dem in roter Blockschrift um die sehr einfache Abbildung eines Fisches herum stand:
„Fortune Teller Miracle Fish“
Sie drehte den Umschlag herum.
„Fortune Teller Fish
Place Fish in palm of the hand and its movements will indicate
Moving Head............................Jealousy
Moving Tail............................Indifference
Moving Head and Tail............................In Love
Curling Sides............................Fickle
Turns Over............................False
Motionless............................Dead One
Curls up Entirely............................Passionate
MADE IN TAIWAN“
Elise wunderte sich, denn um diese Uhrzeit war wohl kaum jemand in ihrem Zimmer gewesen. Meistens kam sowieso nur ihre Mutter, und die musste arbeiten, und ihre Freundinnen waren in der Schule und hatten sie über die Sommerferien ohnehin vergessen. Sie öffnete den Umschlag, darin lag ein knallroter Fisch aus Folie. Eigentlich, so dachte Elise, kein besonders kostbares Geschenk. Aber weil sie ja nichts besseres zu tun hatte, klingelte sie (am dritten oder vierten Tag hatte sie alle Hemmungen vor dem Notrufknopf abgelegt) und ließ sich den Text von einer genervten und mitleidigen Schwesternschülerin namens Isabel übersetzen, die sie daraufhin gleich wieder allein ließ. Elise passte das sehr gut.
Ratlos drehte sie den Umschlag in der Hand hin und her. Sie hielt ihn gegen das Licht, so dass sich die Umrisse des Fisches abzeichneten. Sie nahm ihn schließlich heraus und betrachtete ihn von allen Seiten, doch es war und blieb ein Stück Folie. „Du musst den Fisch in deine flache Hand legen. Dann bewegt er sich und soll dir angeblich die Zukunft vorhersagen“, hatte Isabel erklärt.
Sie öffnete ihre Hand und legte den Fisch vorsichtig hinein. Es funktionierte nicht, nichts passierte. War ja klar, dachte Elise, doch sie mochte sicherheitshalber noch einen Moment lang warten. Da geschah etwas Seltsames. Der Fisch wölbte sich und zuckte, er schlug mit der Flosse und wurde größer und schwerer, er bekam richtige Schuppen und Kiemen und einen dicken Bauch, er wurde silbriggrau, die Schuppen glänzten und mit einem Mal hatte er, plopp, türkisfarbene Augen bekommen und einen richtigen Fischmund, der wild um sich schnappte. Elises Augen wurden größer und größer. Sie stieg mühsam aus ihrem viel zu großen Bett und öffnete, irgendwelche Geräte und einen Tropf hinter sich her ziehend, die Badezimmertür, ließ Wasser ins Waschbecken und setzte den Fisch vorsichtig hinein. Eine Weile sah sie ihm zu, wie er im Kreis herumschwamm. Dann blieb er stehen und sah Elise an.
„Danke“, sagte der Fisch. Er hatte eine tiefe und sonore Stimme, die Elise an ihren Opa erinnerte. Eine Altmännerstimme, voll Kraft und Überzeugung.
„Gern geschehen.“
„Wo sind wir hier?“
„Im Krankenhaus.“
„Verdammt, ich hasse Krankenhäuser. Die machen mich immer depressiv. Außerdem schmeckt das Essen scheiße und ich habe dauernd Angst, mich mit irgendwelchen widerlichen Krankheiten anzustecken.“
„Also, ich bin jedenfalls nicht ansteckend“, entgegnete Elise beleidigt. „Stimmt es, dass du wahrsagen kannst?“
„Klar.“
„Kannst du mir sagen, ob ich wieder gesund werde?“
„Klar.“
„Wirklich?“
Der Fisch verdrehte nur die Augen.
„Wirst du's mir sagen?“
„Könnte ich. Mach dir aber bloß nichts vor, ändern kann ich an deiner Zukunft nix, das ist nicht mein Job. Ich kann nur sagen, was passieren wird. Aber ich muss mich erstmal konzentrieren und dafür brauche ich Ruhe. Nichts gegen dich, wirklich, aber Kinder machen mich wahnsinnig. Kannst du vielleicht eine Runde um den Block gehen und dir eine Zuckerstange kaufen oder was ihr in eurem Alter so macht und wenn du wiederkommst, verrate ich's dir?“
„Um den Block gehen? Du bist ja witzig. Ich darf eigentlich nicht mal aufstehen, ohne dass ein Erwachsener dabei ist. Außerdem sind Zuckerstangen eklig.“
„Na gut. Dann bleib halt hier. Aber schließ die Tür hinter uns, ok? Und wenn ein Pfleger oder Arzt vorbeikommt, sagst du einfach, du musstest mal eben aufs Klo, oder so.“
Elise tat, wie ihr geheißen, sie zerrte hastig den Tropf und all die Maschinen zu sich ins Badezimmer, schloss die Tür und setzte sich auf einen Mülleimer in der Ecke. Sie versuchte, ruhig zu warten, doch in Wahrheit schlug ihr das Herz bis zum Hals. Nie hatte die Maschine so hektisch gepiept. Sie fühlte sich elend und wäre gern zurück in ihr Bett gekrochen, aber sie wusste, dass sie einem Wahrsager so schnell nicht wieder begegnen würde, und so blieb sie tapfer, tapfer sein konnte sie gut. Sie schlang die Arme um ihre Knie und betrachtete ihre Füße. Sie fragte sich, ob Isabel vielleicht lackierte Zehennägel hatte, und ob Isabel ihre Freundin werden könnte. Nach einer Weile fielen ihr beinahe die Augen zu.
„He, psst“, riss der Fisch sie aus ihren Gedanken. „Ich wäre dann soweit. Du auch?“
Elise stand auf und stellte sich vor das Waschbecken.
„Du musst etwas näher kommen. Beug dich ein bisschen zu mir runter. Ich muss es dir ins Ohr flüstern. In diesen beschissenen Krankenhäusern haben die Wände Ohren, und ich habe echt kein Interesse daran, der ganzen Belegschaft ihre Zukunft vorauszusagen, das kannst du mir glauben.“
Elise musste etwas lächeln, als sie sich vorstellte, wie sich Dr. Bräunling oder Schwester Lisbet mit dem Fisch unterhalten würde, denn beide schätzten es nicht, wenn man in ihrer Gegenwart fluchte. Aber dann fiel Elise wieder ein, worum es ging, und sie wurde ernst, beugte sich hinab, bis ihr Ohr fast die Wasseroberfläche berührte. Da wisperte der Fisch ihr zu, was passieren würde, und bat sie anschließend, ihn sofort das Klo herunterzuspülen, sie brauche sich keine Sorgen machen, das sei seine ganz normale Arbeitsweise, und es kam Elise vor, als habe der Fisch ihr noch einmal zugezwinkert, ehe er endgültig verschwand. Das nächste, woran sie sich erinnerte, war, dass sie wieder in ihrem Bett lag, nachmittags, sie musste geschlafen haben. Ihre Mutter saß neben ihr auf einem Hocker und sah so traurig aus. Da bekam Elise großes Mitleid und erzählte ihr die ganze Geschichte, alles, angefangen bei dem kleinen Plastikumschlag bis hin zur Prophezeiung. Niemand glaubte ihr. Und eine Schwesternschülerin namens Isabel wollte auch niemand kennen. Elise war das ganz egal, denn sie wußte ja nun Bescheid, und als ihr Krankenzimmer leer war, fegte die Putzfrau den Umschlag mit der Aufschrift „Fortune Teller Miracle Fish“ auf, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.